Wenn die Nerven mit Dir durchgehen

Mal Hand aufs Herz: Wer hat schon mal einen Schläger im Teich versenkt? Wieder einmal dürfen wir Rory McIlroy dankbar sein. Nicht nur, dass er uns im letzten Jahr gezeigt hat, wie man ganz einfach einen 4-Putt spielt, sondern jetzt demonstriert er auch noch, dass es nur menschlich ist, wenn mit einem die Nerven durchgehen:

Und zack, versenkt ist das Eisen 3. Jetzt kann man sagen: Bei dem gehts ja auch wirklich um was, der steht enorm unter Druck, usw. Blödsinn! Geld hat er in seinem Leben jetzt schon genug verdient, wirklich mit der Spitze hatte er bei diesem Turnier auch nichts zu tun und er steckt ja jetzt auch nicht in einem schlimmen Formtief – da hat er nach dem Wechsel zu einem großen Sportausrüster schon ganz anderes erlebt. Das war reiner, purer Ehrgeiz bzw. die Frustration, wenn es eben mal nicht so läuft wie man es von sich erwartet. Und das passiert jemandem, der vermutlich täglich mit einem Mental-Coach redet und bestimmt schon Millionen Mal geübt hat, nach einem schlecht Schlag ruhig zu bleiben. Der sowas als Vorbild auch erst recht üben muss. Und trotzdem: weg war der Schläger! Danach hat man auch viel gelesen, dass einem Spitzensportler sowas doch nicht passieren darf, er ist doch Vorbild, etc., etc.

Ich gehöre (leider?) auch zu der Sorte Mensch, die gerne Mal ein wenig das Rumpelstilzchen rausholt, wenn es nicht richtig läuft. Daher möchte ich hier mal eine Lanze für Rory brechen. Ich kann es einfach nur 100%ig nachfühlen: Manchmal kann man einfach nicht anders, dann muss die Wut oder der Frust raus. Viele können das nicht verstehen: „Ist doch nur ein Spiel!“. Man kann natürlich ein Spiel um des Spieles Willen spielen (dabei sein ist alles). Aber es gibt eben Menschen, die spielen, um zu gewinnen (irgendeiner muss das ja tun). Und da können die Nerven eben schon mal mit einem durchgehen, wenn man seinen eigenen Erwartungen nicht entspricht. Das schöne oder schlimme am Golfen ist dabei aber ja, dass man nur gegen sich selbst spielt. Und da ist es eben noch schwerer als Sieger hervorzugehen. Und ihr könnt mir gerne glauben: Hinterher möchte man meistens im Boden versinken. Denn eigentlich ist man ja ein ganz normaler, netter, umgänglicher, friedlicher Mensch. Aber wenn man im Spiel-Modus ist und einen erstmal der Ehrgeiz packt … oder um es mit einem Refrain von Peter Fox zu sagen: „Ein Biest lebt in Deinem Haus. Du sperrst es ein es bricht aus.“ Noch hat sich keiner meiner Schläger in einem Gewässer verirrt. Das Schöne aber ist: Sollte dies je passieren, wird nicht ein Millionen Publikum dabei sein – aber leider wird wohl auch kein Taucher kommen, der mir das Ding dann wieder rausholt 😉

Letztlich ist es einfach nur normal, dass auch den Spitzensportlern mal die Nerven durchgehen. Sie sind eben da wo sie sind, weil sie sehr ehrgeizige Menschen sind und den unbedingten Willen haben weiter zu machen, zu kämpfen und zu siegen. Die Kehrseite ist dabei aber, dass man zumindest für den kurzen Moment entsprechend frustriert ist, wenn es nicht klappt. Und da kann es eben auch mal sein, dass das raus muss. Das ist nicht arrogant, das ist nicht lächerlich, das ist nicht verwerflich – das ist menschlich!